Lost in the Jungle

Was ist eine Nachrichtenagentur?

Nachrichtenagenturen schreiben für Redaktionen, nicht für Sie – und liefern dennoch einen enormen Teil dessen, was Sie lesen. Rolle, Kunden und Funktionsweise.

Eine Nachrichtenagentur ist eine Organisation, die Informationen an der Quelle sammelt und sie anderen Medien als Meldungen, Fotos, Videos oder Daten weiterverkauft. Sie ist der Grossist der Kette: Nicht Sie sind ihr Kunde, sondern die Redaktionen. Deshalb erscheint ihr Name meist ganz klein am Fuss eines Artikels – «mit AFP», «Reuters» –, obwohl sie den Grossteil des Textes geliefert hat.

Wozu eine Agentur dient

Keine Redaktion, auch keine sehr grosse, kann überall jemanden haben. Die Agentur löst das durch Bündelung: Sie unterhält ein Korrespondentennetz und verkauft denselben Strom an Hunderte Kunden – was eine Berichterstattung wirtschaftlich möglich macht, die keiner von ihnen allein finanzieren würde. Ohne Agenturen gäbe es Nachrichten aus fernen Ländern für die meisten Medien schlicht nicht.

  • Sie berichtet rund um die Uhr, ohne Ruhetag und ohne bevorzugte Zeitzone.
  • Sie schreibt bewusst neutral und weiterverwendbar: Der Kunde muss unverändert publizieren oder nach Belieben umschreiben können.
  • Sie liefert auch Bild und Video – oft der teuerste und am schwersten zu beschaffende Teil.
  • Sie dient als gemeinsame Uhr: Wenn eine grosse Agentur meldet, wissen Redaktionen weltweit im selben Moment Bescheid.

Weltagenturen und nationale Agenturen

Üblicherweise unterscheidet man drei Weltagenturen – AFP, Reuters und Associated Press – von einer grossen Zahl nationaler Agenturen, die ihr Land in der Tiefe abdecken und sich mit den globalen austauschen. Die Schweiz hat ihre eigene: Keystone-SDA, entstanden aus der Fusion der Schweizerischen Depeschenagentur mit der Fotoagentur Keystone. Sie verbreitet auf Deutsch, Französisch und Italienisch – eine Besonderheit, die direkt mit der Mehrsprachigkeit des Landes zusammenhängt.

Wie eine Agentur arbeitet

Der Ticker einer Agentur ist keine Folge fertiger Artikel, sondern ein wachsender Text. Eine erste Eilmeldung von wenigen Worten signalisiert, dass etwas geschehen ist. Ihr folgt eine kurze Meldung, dann eine vollständigere Fassung, dann ein um Reaktionen und Kontext angereicherter Text – jede ersetzt die vorherige. Ein einziger Sachverhalt kann so an einem Tag zu einem Dutzend aufeinanderfolgender Fassungen führen. Deshalb kann sich ein Online-Artikel, der «AFP» zitiert, mehrfach vor Ihren Augen ändern, ohne dass die Redaktion irgendetwas entschieden hätte.

Diese Mechanik erzwingt eine besondere Schreibdisziplin. Eine Meldung muss in jedem Moment ihres Lebens korrekt sein, auch wenn sie unvollständig ist: Man schreibt nie eine Hypothese hinein, um sie später zu korrigieren – man schreibt das Gesicherte und schweigt über den Rest. Ein härterer Zwang, als es scheint, denn er verbietet genau das, wozu die Konkurrenz verleitet: ein wenig schneller zu raten als der Nachbar.

Die Kehrseite: Vereinheitlichung

Dass Hunderte Redaktionen aus derselben Quelle schöpfen, hat einen offensichtlichen Preis: Bei einem fernen Ereignis lesen Sie oft denselben Satz, kaum verändert, in zehn verschiedenen Zeitungen. Hat die Agentur einen Fehler gemacht, verbreitet er sich überall mit derselben Geschwindigkeit – genau deshalb halten Agenturen sehr strikte Korrekturverfahren mit ausdrücklichen Rückzugs- oder Berichtigungsmeldungen bereit. Für die Leserschaft gilt ein einfacher Reflex: Wenn zehn Quellen dasselbe sagen, prüfen, ob es zehn Quellen sind – oder eine einzige, zehnmal zitiert.

Häufige Fragen

Kann man als Privatperson eine Nachrichtenagentur abonnieren?

In der Praxis nein: Das Agenturmodell beruht auf professionellen Verträgen mit Redaktionen, Institutionen oder Unternehmen – zu Bedingungen, die für Privatpersonen keinen Sinn ergeben. Allerdings betreiben die meisten Agenturen kostenlose Publikumsseiten, die einen Teil ihrer Produktion zugänglich machen. Das ist nicht der volle Ticker, reicht aber gut, um direkt an der Quelle zu lesen.

Ist eine Agenturmeldung verlässlicher als ein Zeitungsartikel?

Sie ist quellennäher und nüchterner, aber nicht automatisch verlässlicher. Eine Meldung entsteht schnell und unter Druck und wird bisweilen stündlich korrigiert. Ein Zeitungsartikel fügt Abstand, Kontext und manchmal eine zusätzliche Gegenprüfung hinzu. Beide ergänzen sich: Die Meldung sagt, was gerade geschehen ist, der Artikel sagt, was es bedeutet.

Wem gehören die grossen Agenturen?

Ihre Strukturen unterscheiden sich deutlich. Die Associated Press ist eine gemeinnützige Genossenschaft im Eigentum ihrer US-Mitgliedsmedien. Reuters, 1851 in London gegründet, gehört zur Gruppe Thomson Reuters. Die AFP, hervorgegangen aus der 1835 gegründeten Agentur Havas, ist eine französische Einrichtung mit besonderem Status. Diese drei Strukturen sind keine juristische Kuriosität: Sie erklären, wem jede Agentur Rechenschaft schuldet.

Zum gleichen Thema

  • Reuters, AP und AFP: die UnterschiedeRatgeber

    Drei Weltagenturen, drei Geschichten und drei sehr verschiedene Eigentümerstrukturen. Was sie wirklich trennt – jenseits der Flagge auf der Visitenkarte.

  • Unterschied zwischen Meldung und ArtikelRatgeber

    Die Meldung ist ein Grosshandelsprodukt für Redaktionen; der Artikel ist für Sie geschrieben. Zwei Objekte, zwei Urheber, zwei Zwecke – und wie man sie unterscheidet.

  • AgenturtickerGlossar

    Der Agenturticker ist der laufende Strom von Meldungen, den eine Nachrichtenagentur an ihre Kunden liefert. Wie er funktioniert und warum ihn niemand sieht.

  • Die grossen Nachrichtenagenturen der WeltRankings

    Kuratierter Überblick über die Nachrichtenagenturen der Welt: AFP, Reuters, AP und die nationalen Agenturen. Nach Statut und Auftrag, ohne erfundene Reichweitenrangliste.

  • Nachrichtenagentur vs Zeitung: Wer schreibt was – und für wenVergleiche

    Eine Agentur verkauft ihre Meldungen an Medien, eine Zeitung wendet sich ans Publikum. Kunde, Blattlinie, Format, Signatur: der Unterschied der beiden Berufe, einfach erklärt.

  • Was ist ein Medium?Ratgeber

    Ein Medium ist nicht bloss eine Website oder eine Zeitung: Es ist eine Organisation, die sammelt, prüft, gewichtet und veröffentlicht. Definition, Funktionen und Grenzen des Begriffs.

  • Was ist eine Zeitung?Ratgeber

    Periodizität, Gewichtung auf der Front, Trennung von Fakten und Meinung: Was eine Zeitung ausmacht, liegt in ihrer Organisation, nicht in ihrem Papier. Eine Erklärung.

  • Reuters vs AP: Was unterscheidet die beiden Agenturen?Vergleiche

    Eine US-Genossenschaft ohne Gewinnzweck gegen die Tochter eines börsenkotierten Konzerns: Eigentum, Geschäftsmodell und Unabhängigkeitsregeln von Reuters und AP im Vergleich.

  • AFP vs Reuters: zwei gegensätzliche Wege, Unabhängigkeit zu sichernVergleiche

    Die eine hat einen durch Gesetz geschaffenen Sonderstatus, die andere eine Charta innerhalb eines kotierten Konzerns. Wie AFP und Reuters ihre Redaktion schützen – und was das ändert.

  • KorrespondentGlossar

    Ein Korrespondent ist eine Journalistin oder ein Journalist, die dauerhaft in einem Gebiet leben und es für ihre Redaktion abdecken. Rolle, Status, Abgrenzung.

  • EmbargoGlossar

    Ein Embargo ist ein Zeitpunkt, vor dem eine an Journalisten übermittelte Information nicht veröffentlicht werden darf. Wozu es dient und was es nicht garantiert.

  • EilmeldungGlossar

    Die Eilmeldung ist das erste Signal einer wichtigen Information: wenige Worte, eine Quelle, kein Kontext. Was sie wirklich sagt und was noch nicht.