Lost in the Jungle

Was ist ein Medium?

Ein Medium ist nicht bloss eine Website oder eine Zeitung: Es ist eine Organisation, die sammelt, prüft, gewichtet und veröffentlicht. Definition, Funktionen und Grenzen des Begriffs.

Das Wort «Medium» bezeichnet im Alltagsgebrauch zwei sehr verschiedene Dinge. Im engen Sinn ist ein Medium ein Verbreitungsträger: Papier, Funkwellen, Kabel, Internet. In dem Sinn, in dem Journalistinnen und Publikum es verwenden, ist ein Medium eine redaktionelle Organisation – eine Einheit, die Informationen sammelt, entscheidet, welche veröffentlicht werden sollen, sie aufbereitet und in eigener Verantwortung verbreitet. Uns interessiert hier die zweite Bedeutung, denn sie ist diejenige, die Pflichten mit sich bringt.

Was ein Medium von einem blossen Content-Anbieter unterscheidet

Veröffentlichen kann jede und jeder. Ein Unternehmen hat einen Blog, eine Verwaltung eine Website, eine Privatperson ein Konto in einem sozialen Netzwerk: Alle verbreiten Texte an ein Publikum. Was ein Medium ausmacht, ist deshalb nicht das Publizieren, sondern ein Bündel von Verpflichtungen, die die anderen nicht eingehen.

  • Eine Absicht zu informieren, unterschieden von der Absicht zu verkaufen, zu überzeugen oder sich zu verteidigen. Eine Firmenmitteilung informiert auch – aber sie informiert im Dienst eines bekannten Interesses.
  • Eine vorgelagerte Prüfung: Eine Information wird mit ihren Quellen abgeglichen, bevor sie erscheint – nicht erst, wenn sie eine Reaktion ausgelöst hat.
  • Eine bewusste Gewichtung: Ein Medium veröffentlicht nicht alles, es wählt aus – und diese Auswahl ist selbst eine redaktionelle Handlung, für die es einsteht.
  • Eine Identifizierbarkeit: ein Name, ein Impressum, eine verantwortliche Person. Man weiss, wer geschrieben hat, wer freigegeben hat, an wen man sich mit Einwänden wendet.
  • Eine öffentliche Korrektur von Fehlern. Das ist womöglich der trennschärfste Test: Ein Medium korrigiert und sagt es; eine Kommunikationsseite korrigiert stillschweigend.

Die grossen Medienfamilien

Nach Träger

Presse, Radio, Fernsehen und Digitales unterscheiden sich nicht nur technisch: Jeder Träger erzwingt seinen eigenen Rhythmus und seine eigene Form. Radio begünstigt Live und Stimme, Fernsehen Bild und Erzählung, Papier Analyse und Einordnung, Digitales die laufende Aktualisierung. Ein und dasselbe Medium bespielt heute fast immer mehrere Träger gleichzeitig – was die Einteilung nach Träger zunehmend wenig aussagekräftig macht.

Nach Position in der Kette

Nützlicher ist die Unterscheidung zwischen jenen, die den Rohstoff produzieren, und jenen, die ihn verarbeiten. Nachrichtenagenturen produzieren Meldungen für andere Medien, nicht für das Publikum. Zielmedien – Zeitungen, Websites, Sender – greifen dieses Material auf, ergänzen es um eigene Recherche, Kontext und Analyse und wenden sich direkt an die Leserschaft. Aggregatoren schliesslich produzieren nichts: Sie verteilen weiter. Diese Kette erklärt, warum dieselbe Information Sie manchmal fünfmal erreicht – fünfmal anders formuliert.

Was ein Medium nicht ist

Ein soziales Netzwerk ist kein Medium: Es hat keine redaktionelle Absicht gegenüber den Inhalten, die es hostet – auch wenn es deren Anzeige ordnet, und genau diese Sortierung ist die Grauzone der aktuellen Debatte. Eine Suchmaschine ist ebenfalls kein Medium. Eine Website, die ausschliesslich Meinungen publiziert, ist deswegen nicht disqualifiziert: Der Gastbeitrag ist ein legitimes journalistisches Genre – sofern er als solcher gekennzeichnet ist. Disqualifizierend ist, eine Meinung, eine Werbung oder eine Interessenposition im Gewand eines Tatsachenberichts zu präsentieren.

Warum die Definition für Sie zählt

Zu wissen, ob das Gelesene von einem Medium stammt, verändert, was Sie erwarten dürfen. Von einem Medium können Sie eine Quelle, eine Korrektur, ein Gegendarstellungsrecht und eine erkennbare Blattlinie verlangen. Von einem anonymen Konto, das einen Screenshot weiterreicht, können Sie gar nichts verlangen – und es schuldet Ihnen nichts. Die Frage vor einem Inhalt lautet daher nicht «ist das wahr?», was allein oft nicht zu entscheiden ist, sondern «wer steht dafür ein, und vor wem?». Die zweite Frage lässt sich fast immer in dreissig Sekunden beantworten.

Häufige Fragen

Ist ein Blog ein Medium?

Das hängt davon ab, was er tut, nicht von seinem Format. Ein Blog, der recherchiert, prüft, seine Texte namentlich zeichnet, Fehler korrigiert und Fakten von Meinungen trennt, verhält sich wie ein Medium – unabhängig von seiner Grösse. Ein Blog, der ungeprüfte Gerüchte recycelt, ist keines, auch wenn er aussieht wie eine Nachrichtenseite. Das Format hat nie etwas entschieden.

Was ist der Unterschied zwischen einem Medium und einer Nachrichtenagentur?

Eine Nachrichtenagentur ist ein Medium, dessen Kunde aber nicht Sie sind. Sie produziert Meldungen, die an andere Redaktionen verkauft werden, welche sie übernehmen, umschreiben oder ergänzen. Eine Zeitung oder eine Nachrichtenseite wendet sich dagegen direkt ans Publikum und verantwortet ihre Entscheidungen öffentlich vor ihm.

Muss ein Medium neutral sein?

Kein Medium ist neutral, denn die Wahl dessen, worüber man berichtet, ist bereits eine Positionierung. Verlangen kann man Redlichkeit: dass die Fakten stimmen, dass die Gegenseite gesucht wird, dass Meinung als Meinung gekennzeichnet ist und dass die Blattlinie öffentlich statt verschleiert ist.

Zum gleichen Thema

  • Was ist eine Zeitung?Ratgeber

    Periodizität, Gewichtung auf der Front, Trennung von Fakten und Meinung: Was eine Zeitung ausmacht, liegt in ihrer Organisation, nicht in ihrem Papier. Eine Erklärung.

  • Was ist eine Nachrichtenagentur?Ratgeber

    Nachrichtenagenturen schreiben für Redaktionen, nicht für Sie – und liefern dennoch einen enormen Teil dessen, was Sie lesen. Rolle, Kunden und Funktionsweise.

  • Was ist ein digitales Medium?Ratgeber

    Online zu publizieren verändert Rhythmus, Finanzierung und Leserbeziehung – nicht die Regeln des Journalismus. Was das Digitale wirklich umbaut und was es nicht berührt.

  • RedaktionslinieGlossar

    Die Redaktionslinie ist die Summe der Entscheidungen darüber, was ein Medium behandelt, wie und für wen. Was sie ist – und was sie nicht ist.

  • Nachricht vs Meinung: den Unterschied in dreissig Sekunden erkennenVergleiche

    Die eine berichtet Überprüfbares, die andere vertritt eine Position. Die Zeichen, die sie trennen, warum die Grenze verschwimmt und wie man sie beim Lesen zurückgewinnt.

  • Wie erkennt man Fake News?Ratgeber

    Wirksame Falschinformation besteht selten aus grossen Lügen: Sie besteht aus verschobenen Wahrheiten. Die Mechanismen, die Marker und die Reflexe, die sie entschärfen.

  • Unterschied zwischen Nachricht und InformationRatgeber

    Nicht alles ist Information, und nicht jede Information ist aktuell. Eine einfache Unterscheidung, die erklärt, warum man alles verfolgen und nichts verstehen kann.

  • Die wichtigsten Schweizer MedienRankings

    Kuratierter Überblick über die Schweizer Medien, gegliedert nach Sprachregion: Deutschschweiz, Romandie, italienische Schweiz. Nach Struktur und Statut, ohne erfundene Zahlen.

  • GegendarstellungGlossar

    Die Gegendarstellung erlaubt einer betroffenen Person, ihre Darstellung veröffentlicht zu bekommen. In der Schweiz gesetzlich verankert, in anderen Ländern nicht.

  • Freier JournalistGlossar

    Ein freier Journalist arbeitet selbstständig und wird pro Beitrag bezahlt. Wie das funktioniert, was es Redaktionen bringt und wo seine Fragilität liegt.

  • Die besten RSS-Feeds, um Nachrichten zu verfolgenRessourcen

    RSS ist nach wie vor der einfachste Weg, Nachrichten ohne Algorithmus und ohne Konto zu verfolgen. Wie es funktioniert, welche Feeds sich lohnen und wie Sie unsere abonnieren.